Kontextmessung der Demokratiematrix

Die Kontextmessung als zweite Messebene der Demokratiematrix basiert auf der Merkmalsmessung und bezieht weitere relevante Faktoren ein, welche die Demokratiequalität eines Landes beeinflussen und die Messung der Demokratiequalität insgesamt "realistischer" ausfallen lassen. Im Gegensatz zu den endogenen Eigenschaften der Merkmalsmessung sind die hier aufgegriffen Faktoren nicht als Merkmal der Demokratie selbst konzipiert, sondern betreffen die exogene Einbettung des politischen Systems: Wie wird die Demokratiequalität durch äußere Faktoren verzerrt? Es werden drei Gruppen von exogenen Faktoren im Sinne notwendiger Bedingungen herangezogen, die alle noch im Rahmen einer mittleren Demokratiedefinition verbleiben, da nur ihre demokratiequalitativen Auswirkungen (z.B. soziale Ungleichheit erzeugt politische Ungleichheit) untersucht werden: Bildungsungleichheit, informelle Institutionen und Staatlichkeit. Diese Faktoren werden auf dieser Seite mit den aus dem V-Dem-Datensatz selektierten Indikatoren im Sinne einer Operationalisierung vorgestellt. Die Aggregationsregeln werden hier beschrieben.



1. Verrechnung der Kontextfaktoren mit der Merkmalsmessung

Die Kontextmessung entsteht aus der Verbindung der Kontextfaktoren mit der Merkmalsmessung. Die Skala der einzelnen Kontextfaktoren wird dabei auf 0.75 bis 1 beschränkt, wobei ein niedriger Wert eine hohe Störung durch Kontextelemente und ein hoher Wert eine geringe Störung durch den Kontext repräsentiert. Durch das aufgrund des Status der Einflussfaktoren als notwendigen Bedingungen demokratietheoretisch gerechtfertigte Multiplikationsverfahren mit dem Ergebnis der Merkmalsmessung können diese Faktoren die Demokratiequalität niemals erhöhen, sondern nur verschlechtern. Die negativste Auswirkung von Kontextfaktoren (0.75) wird als so gravierend eingeschätzt, dass ein Land mit maximaler Ausprägung der Merkmalsmessung (1) im defizitär-demokratischen Bereich liegt. Sollten keinerlei negativen Kontextfaktoren vorliegen, wird letztlich das Ergebnis der Merkmalsmessung bestätigt.


2. Demokratiequalitative Auswirkungen der Bildungsungleichheit

Bildung kann als notwendige Bedingung für das Funktionieren einer Demokratie gesehen werden.  Bildung, vor allem aber politische Bildung, sichert, dass Rechte, Verfahren und Institutionen der Demokratie den Bürgern bekannt sind. Ohne politische Kompetenz und Sachkenntnis lassen sich diese nicht in Anspruch nehmen.  

Bildung fließt in die Demokratiematrix als Bildungsungleichheit ein und betrifft somit die gesamte Gleichheitsdimension. Bildungsungleichheit lässt sich nicht einer einzelnen Institution zuordnen, sondern betrifft die Demokratiequalität aller Institutionen in gleicher Weise. Bürger ohne politisches Wissen und Kompetenzen haben es in allen Bereichen der Demokratie schwerer, ihre Interessen zu formulieren (Entscheidungsverfahren, Intermediäre Vermittlung sowie Kommunikation und Öffentlichkeit) und ihre Rechte einzufordern (Rechtsgarantie, Regelsetzung und -anwendung).

Verwendete V-Dem-Indikatoren: v2peedueq

Angewandte Aggregationsregel: KVF


3. Demokratiequalitative Auswirkungen von informellen Institutionen

Zudem müssen demokratiesperrige informelle Institutionen wie Klientelismus, Korruption und Gewaltandrohung in die Demokratiemessung einbezogen werden, da sie – ebenso wie formale Institutionen – das Verhalten von Akteuren beeinflussen. Da sie die Funktionsweise einer Demokratie negativ im Sinne einer notwendigen Bedingung beeinflussen, kann ihre Wirkung nicht ignoriert werden (Lauth 2000, Helmke/Levitsky 2004). Dabei wirken informelle Institutionen mehrdimensional, eine Verletzung nur einer einzigen Demokratiedimension bzw. Demokratieinstitution aufgrund der Präsenz von informellen Institutionen ist nicht sinnvoll anzunehmen. Sie lassen sich eher als „Breitbandindikatoren“ für den Zustand einer Demokratie konzipieren. Zum Beispiel unterminiert die Korruption die Funktionsweise einer Demokratie auf vielfältige Weise. Auf der Inputseite wird der Entscheidungsprozess verfälscht, indem Entscheidungsträger manipuliert werden. Auf der Outputseite wird die Implementierung der demokratisch getroffenen Entscheidungen unterminiert und hochgradig verzerrt. V-Dem bietet institutionenspezifische Korruptionsindikatoren an, die wir aufgreifen.

Verwendete V-Dem-Indikatoren: v2elpeace, v2psprlnks, v2mecorrpt, v2jucorrdc, v2lgcrrpt, v2exbribe, v2excrptps, v2exthftps

Angewandte Aggregationsregel: KVF, Mittelwert


4. Demokratiequalitative Auswirkungen von Staatlichkeit

Staatlichkeit verstanden in der Tradition Max Webers als legitimes Gewaltmonopol ist auch eine elementare Bedingung für Demokratiequalität (Bäck/Hadenius 2008, Schlenkrich et al. 2016). Mit einem fallenden Grad an Staatlichkeit reduziert sich die Qualität eines jeden Regimes, sei es autokratisch oder demokratisch. Da viele empirische Studien darauf hingewiesen haben, dass Staatlichkeit nicht immer in vollem Umfang bei jungen Demokratien gegeben ist, sollte dieser Aspekt in der Demokratiemessung berücksichtigt werden, um zu angemessenen Ergebnissen zu kommen.

Dieser Aspekt sollte in späteren Versionen der Demokratiematrix Berücksichtigung finden. Zurzeit jedoch werden die Indikatoren von V-Dem aufgrund von Datenfehlern nicht mehr angeboten.

Verwendete V-Dem-Indikatoren: -

Angewandte Aggregationsregel: -


5. Literaturverzeichnis

Bäck, Hanna und Axel Hadenius. 2008. Democracy and State Capacity: Exploring a J-Shaped Relationship. In: Governance: An International Journal of Policy, Administration, and Institutions 21, S. 1–24.

Helmke, Gretchen und Steven Levitsky. 2004. Informal Institutions and Comparative Politics: A Research Agenda. In: Perspectives on Politics 2, S. 725-740.

Lauth, Hans-Joachim. 2000. Informal Institutions and Democracy. In: Democratization 7, S. 21-50.

Lauth, Hans-Joachim. 2004. Demokratie und Demokratiemessung. Wiesbaden.

Schlenkrich, Oliver, Lukas Lemm und Christoph Mohamad-Klotzbach. 2016. The contextualized index of statehood (CIS): assessing the interaction between contextual challenges and the organizational capacities of states. In: ZfVP 10, S. 241-272.